[Kurzgeschichte] Über rotem Sand

Jan 9th, 2010 by admin in Geschichten

Relativ kurz entschlossen nahm ich an einem Schreibwettbewerb zum Thema “Brieftauben” teil. Eigentlich sehr kurz entschlossen – einen Abend vor Einsendeschluss habe ich schnell etwas geschrieben.

Das ausgelobte Brettespiel habe ich zwar nicht gewonnen, abermeine Geschichte schaffte es unter die veröffentlichten auf der Website. Soetwas freut mich natürlich, vor allem weil es eine Brieftauben SF-Geschichte ist.

Krauss-Verlag “Brieftaubengeschichten”.

Da mein Beitrag sowieso öffenlich im Web steht, stelle ich ihn auch hier hinein:

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Über rotem Sand

(2009)


„Flieg, Sandy!“ Eine zitternde Hand öffnete den Taubenschlag, und ein rötliches Tier flog ohne zu Zögern heraus.

Die Augenkamera zeigte zerborstene Leitungen und verbogenes Metall. Aus Rohren strömender Wasserdampf ließ die Sicht auf wenige Zentimeter sinken. Aber die Taube navigierte sicher nach oben, auch wenn die unterirdische Basis keine Ähnlichkeit mehr mit dem hatte, was sie kannte. Nicht die Funken ließen sie die Kabel meiden, sie spürte die zuckende Energie. Sicher suchte sie sich ihren Weg.

Metallplatten und geschnittener Stein wichen der natürlichen Magmaglätte des Höhlensystems, in das die erste Kolonie gebaut war.

Normalerweise musste sie zur Oberfläche drei Schleusen passieren, aber diese hatte die Explosion weggerissen. So vermischte sich die sauerstoffreiche, ausströmende Luft der Kolonie mit der dünnen Marsatmosphäre.

Mit einigen kraftvollen Schlägen ihrer Schwingen schraubte die Taube sich hoch in den roten Himmel. Was sie sah, wurde vom Augenimplantat gespeichert. Aber für sie selbst waren die Augen nicht wichtig.

Hatten sich die ersten Tauben noch verflogen und waren erschöpft von der Last der Atemgeräte und verwirrt durch das gegen die Erde blasse Magnetfeld irgendwann als blaugraue Federbündel vom Himmel gefallen, störte Sandy die schwache Ortung nicht. Zielstrebig flog sie nach Südwesten.

Es war das erste Mal, dass am ersten Futterpunkt niemand auf sie wartete. Der auf einem Metallpfosten befestigte Schlag war leer. Nur einige Futterkrümel fanden sich zwischen herein gewehtem Sand. Verwirrt hüpfte die Taube umher, pickte das Wenige auf und wusste nicht, was sie tun sollte.

„Weiter“. Sie verstand das Wort nicht, aber den Klang. Die Stimme ihrer Trainerin im Ohrimplantat gab schließlich den Ausschlag.

Fünfzig Kilometer Strecke waren es bis zum nächsten Futterpunkt.

Es gab keine Raubvögel, keine sonstigen Feinde auf dieser Welt. Nur Sandstürme stellten eine Gefahr dar. Aber Sandy konnte die unheilvollen Luftvibrationen schon kilometerweit spüren und sich einen anderen Weg suchen. Sie wusste, dass Stürme Umwege bedeuteten. Aber in einer Welt, in der es nichts gab außer Stein und Sand, war das Erreichen des Ziels wichtiger als ein Geschwindigkeitsrekord.

Sandy und ihre wenigen Artgenossen hatten bei den meisten Marsbewohnern den Ruf, nur ein komisches, gefiedertes Hobby einiger gelangweilter Forscher zu sein. Ohne Nutzwert. Ohne Sinn.

Aus den grauen, blauen oder weißen Tauben war Sandy als sechzigste Generation hervorgegangen. Mit breiteren Schwingen, einem rostroten Gefieder, verschließbaren Nasenlöchern und zusätzlichen Augenlidern für den Fall, dass sie ein Sturm überraschte.

Die Marskanäle waren nur eine Legende, aber Sandy roch Wasser. Zweihundert Kilometer trennten sie nun von den Höhlen. Sie war die eisige Marsnacht durchgeflogen, hatte alle Futter- und Ruhepunkte leer vorgefunden, aber der drängende Durst ließ sie immer nur kurz ausruhen.

Ein Sturm hatte sie weit vom Kurs abgetrieben und der lockende Geruch des Wassers brachte sie noch weiter weg. Es kam kein Befehl mehr über das Implantat, Sandy war auf sich gestellt. Sie entschied sich für den Umweg.

„Hast du das gesehen?“ Mirko deutete zum Himmel, und sein Kollege hob den Kopf.

„Was denn? Gib lieber Gas, das Leck muss hier irgendwo sein.“

Das Fahrzeug hüpfte auf seinen Ballonreifen an der Versorgungsleitung für die neuen Felder entlang. Wahrscheinlich hatte ein Sandsturm einen Felsbrocken mitgerissen und genau auf das Rohr geknallt.

„Da war ein Vogel, Frank. Ich glaube, das war eine Taube.“

„Du bist auch ein Vogel. Irgendwann hörst du auf, Dinge von der Erde zu sehen. Irgendwie haben alle Neulinge hier Halluzinationen. Hier draußen gibt es nur Stein, Sand und diese defekte Leitung.“

Mirko schwieg, er hatte eine Taube gesehen, er war sich absolut sicher.

Als sie acht Stunden später zur Delta-Station, der ersten nicht unterirdischen Siedlung des Mars, zurückkehrten, herrschte dort helle Aufregung.

„Alle freien Techniker an der Shuttle-Rampe melden“, quakte es aus dem Fahrzeuglautsprecher.

Frank reichte Mirko ein Atemgerät und öffnete die Fahrzeugkuppel. Sie hasteten um die Gebäude herum, zur Rampe, auf der Frachtgleiter beladen wurden.

Mirko sprang in einen Gleiter und blieb wie angewurzelt stehen. Dann ging er zu der Frau, auf deren Bein eine Taube saß.

Frank stieß Mirko unsanft. „’tschuldigen Sie, mein Kollege hat wohl noch nie eine Frau gesehen.“ Frank zerrte an Mirkos Arm.

„Das ist die Taube, die ich am Wasserrohr gesehen habe.“

Die Frau hob den Kopf, ohne die schützende Hand vom Rücken des schlafenden Tieres zu nehmen. „Das ist Sandy. Sie hat uns die Botschaft vom Einsturz der Alpha-Kolonie gebracht.“

Mirko achtete nicht mehr auf Frank. „Es ist eine echte Taube“, sagte er und kam sich dabei irgendwie dämlich vor.

Das freundliche Lächeln der Frau im blauen Forscheroverall erstarb nicht, obwohl sich Mirko wie ein Techniker-Trampel vorkam. „Ja, eine echte Marstaube.“

Das Tier hatte den Kopf ins Gefieder gesteckt und ruhte sich aus. Nicht wissend, dass es jetzt einen weiteren Menschen auf dem Mars gab, der helfen würde, ihre Art zu einem wichtigen Bestandteil des Marslebens zu machen. Schließlich hatte sie bewiesen, dass Nachrichten auch noch auf eine ganz alte Art überbracht werden konnten. Wenn die Technik versagte.

Ende
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