[Kurzgeschichte] Die armen Kinder wohnen in Afrika
Eine kleine Weihnachtsgeschichte von Iris Bergmann
Die armen Kinder wohnen in Afrika …
Vom Weihnachtsmarkt klang festliche Musik hinauf in den dritten Stock. Auch die Fenster der Wohnung im alten herrschaftlichen Haus waren mit weihnachtlichen Lichtern geschmückt und warfen ein sanftes Licht in den mit Stilmöbeln ausgestatteten Raum. Es war kein echter Kamin, der da noch mehr Feststimmung verbreitete, sondern einer der neuen edlen gasbetriebenen Kamine. Die Marmoreinfassung war so echt, wie bei einem Holzkamin und man musste sich die Hände dreckig machen beim Holznachlegen. Trotzdem lagen einige Holzscheite dekorativ in einem extra angefertigten Edelstahlkorb. Der Bedienstete der die Gaskartuschen des Kamins regelmäßig austauschte, sorgte auch dafür, dass das Holz nicht einstaubte.
Die Herrin über 200 Quadratmeter Luxus, Helene von Sochrow saß entspannt auf ihrem Sofa aus Büffelleder. Eine Nerzdecke wärmte ihre Knie, darauf lag ihr treuer Perserkater und schnurrte wohlig. Ein kleiner Wink in Richtung Ngutu und dieser ließ die Leinwand von der Decke herunter, schaltete den Projektor an, der die normalen Nachrichten in Kinoqualität bereitstellte. Ein weiterer Wink und Ngutu reichte ihr die Fernbedienung. Lustlos schaltete Helene durch die Programme. Sie wartete auf ihre Freundin Sarina um mit ihr über den Weihnachtsmarkt zu gehen. Plötzlich blieb sie bei einem Werbespot hängen. Traurige Musik, große Kinderaugen.
“Helfen sie diesen Kindern im Senegal, sie haben keine Eltern mehr. Sie flüchteten vor der Gewalt und Krieg, oder wurden von ihren Verwandten zurückgelassen. Mit jedem Anruf spenden sie fünf Euro für diese Kinder.”
Helene griff nach ihrem Telefon und wählte die Nummer, wieder und wieder. Die Langeweile und das Warten auf ihre Freundin hatten sie wie immer empfänglich für das gut in Szene gesetzte Leid der afrikanischen Kinder gemacht. Dann klingelte es. Helene setzte ihren Kater auf den Boden, der protestierend maunzte. Sie ging zur Gegensprechanlage, endlich war ihre Freundin da.
“Ngutu, bis ich zurück bin lerne die nächsten fünf Vokabeln”, befahl sie ihrem Bediensten.
“Natürlich Frau von Sochrow”, sagte er in fast perfekten Deutsch. Sie sorgte dafür das er ordentlich lernte und sprach, schließlich konnte sie ihn jederzeit gegen einen anderen jugendlichen aus Afrika ersetzen.
Ngutu öffnete ihr die Tür und Helene ging ohne einen weiteren Blick zu ihm nach unten.
“Es hatte doch etwas Gutes, dass du Dich verspätet hast, so habe ich für einige arme Kinder in Afrika gut und gerne 50 Euro gespendet”, Helene hakte sich bei Sarina ein und erzählte ihr von der praktischen Art zu spenden. Einfach nur anrufen, so oft man wollte und ein afrikanisches Kind mit großen, traurigen Augen bekam etwas zu essen. Einfacher als jede Online-Überweisung.
Sie schlenderten durch die mit geschmückten Marktbuden vollgestellte Innenstadt. Überall erklang weihnachtliche Musik, glitzerte und glänzte es Festlich.
“Sieh nur der Baum, dafür haben wir gespendet”, sagte Sarina stolz. Die Tanne, die mitten auf dem Marktplatz stand, war das Ergebnis eine Spendenaktion der Stadt. Das Geld kam einem Brunnenprojekt im fernen Afrika zugute.
“Nur schade, dass sich jeder der auch nur zwei Euro gespendet hat, ebenfalls eine Dankesurkunde ins Wohnzimmer hängen darf”, sagte Helene und schüttelte den Kopf. “Da ist das Papier sicher teurer gewesen als die Spende, stelle Dir das mal vor, wir spenden dreitausend Euro und bekommen die gleiche Urkunde.”
“Wenigstens hast du durchgesetzt, dass man unsere Namen auf ein Schild am Brunnensockel graviert”, tröstete sie Sarina und zog einen Flyer aus ihrer Manteltasche.
“Hier werden wir auch als Hauptspender erwähnt.” Sie drückte ihrer Freundin das Faltblatt in die Hand.
Sie schlenderten zu einem Glühweinstand und kauften sich einen neuen Becher samt Glühwein. Aus einem schon von anderen Leuten benutzten Becher zu trinken, wäre den beiden Frauen nicht eingefallen.
Plötzlich durchbrach eine Kinderstimme Helenes Überlgungen zu gebrauchten Bechern.
“Mami bekomme ich einen Kinderpunsch? Biiitteeee.” Sie blickte zu dem Kind und der Mutter. Ein Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Er trug saubere aber abgewetzte Jeans und einen ausgebleichten grünen Parka in den jemand einen roten Reissverschluss nachträglich eingenäht hatte. Per Hand genäht, recht ordentlich, aber wie konnte man ein Kind nur in solch abgetragenen Sachen herumlaufen lassen, fragte sich Helene.
“Der kostet drei Euro Mirko, das können wir uns nicht leisten. Zuhause mache ich dir einen warmen Orangensaft.”
“Wir haben doch gar keinen Saft mehr.”
Der Kleine fing leise an zu weinen.
“Ich habe noch einen Euro, lass uns zum Supermarkt gehen, ich kaufe Dir Orangensaft. Ja?” Die Mutter streichelte über das anscheinend selbst geschnittene Haar des Jungen. Der Junge weinte noch immer und seine Mutter hob ihn hoch und drückte ihn tröstend an sich. “Weist du was? Wenn du nachher schläfst gehe ich nochmal raus und gucke ob ich genug Pfandflaschen finde. Dann kommen wir morgen noch einmal her.” Der Kleine schniefte und sah sehnsuchtsvoll zum Getränkestand. Dann vergrub er das Gesicht im fusseligen Wollmantel seiner Mutter. Diese sah auf das Schild mit den Preisen und schien zu überlegen wie viele Pfandflaschen sie brauchte für einen Punsch, dann ging sie langsam davon.
Helene schüttelte den Kopf.
“Unglaublich, wahrscheinlich gibt sie das ganze Geld für Alk aus und für ihr Kind bleibt nichts. Sieh nur wie ungepflegt sie ist.” Helene zog Sarina einen Schritt beiseite damit diese jan nicht in Kontakt mit der Mutter kam. Das Weinen wurde leiser als die Frau sich mit ihrem Kind entfernte.
“Nicht mal drei Euro für den Kleinen, unmöglich”, Helene nahm einen Schluck Glühwein.
“Sie hätten ihr das Geld ja geben können, nicht jeder hat Geld für einen Pelzmantel und fette Klunker an den Fingern”, ein vielleicht fünfzehn Jahre altes Mädchen sah Sarina und Helene voller Verachtung an. Sie hatte bunte Haare, ihre Lippen und Ohren waren mit silbernen Ringen geschmückt und ihre Klamotten sahen weder warm noch ordentlich aus. Sie ging zum Glühweinstand und zählte zwei Euro achzig auf den Tresen.
“Einen Kinderpunsch bitte. Den Rest bekommen Sie morgen, garantiert, ist für den Kleinen eben.”
“Kein Problem, geht aufs Haus”, die Marktstandbetreiberin schob ihr das Kleingeld zurück. Das Mädchen lächelte und warf dann einen Blick auf den Flyer den Helene immer noch in der Hand hielt.
“Schöner Hochglanzmist, Geld für Afrika und hier die Augen zumachen, typisch.” Das Mädchen nahm den Punsch entgegen und wuselte dann durch die Menge, dem Weinen hinterher.
ENDE
Copyright 2006 Iris Bergmann
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Traurig, aber leider wahr…