‘Geschichten’ Category Archives
May
Für eine Handvoll Pixel
by admin in Autoren, Geschichten
In einem Manga-Forum wollte jemand, dass man jemanden eine Packung TIEFGEFRORENEN Rosenkohl mitgibt – nach Wien, von Deutschland aus. Einem Zugschaffner zB. – das Ganze für irgend ein dämliches Spiel. Da ich zB. auch bei Runescape merke, dass Leute für irgendwelche dubiosen Internet-Währungen fast ALLES tun, oder tun LASSEN musste mal eine Geschichte raus.
Für eine Handvoll Pixel
Vierhundert VirtuDukaten!
Isolde starrte auf den Computermonitor.
Dafür konnte sie sich endlich den animierten Forums-Avatar kaufen. Mit Sound. Über tausend dieser Sukaten hatte sie schon zusammen und die Erlaubnis solch ein Spezial-Bildchen im Forum verwenden zu dürfen kostetet exakt 1500 VirtuDukaten.
Für jeden sinnvollen Beitrag im Forum bekam man einen Dukaten. Aber nachdem die dummen Admins beschlossen hatten, dass Postings wie: „Sehe ich auch so!“, „Wääääh voll süsss!!“ oder nur Smilys, keinen Sinn hatten, musste man erst abwarten ob ein Posting sinnvoll war. Isolde war sauer, in den letzten Wochen war kein einziges ihrer Postings als sinnvoll erachtet worden. So bekam sie nur einen Dukaten pro Login innerhalb 24 Stunden.
Gemein war auch, das man ihr 387 Dukaten gelöscht hatte, die sie sich mit weiteren Accounts geholt hatte.
Aber jetzt würde sie die 400 bekommen und damit wäre der Avatar dann endlich in ihrem Besitz. Eine wunderschöne Animation ihrer beiden Lieblingscharaktere Toyo und Uki, wie sie sich hingebungsvoll gegenseitig die Zunge in den Hals schoben.
Sie hatte fast alle Punkte der monatlichen „Real-Life-Quest“ erfüllt.
Lediglich ein Beutel „Reispfanne japanisch – Original nach deutscher Art“, brauchte sie noch als realen Gegenstand. Die gesammelten Sachen musste sie dann nur beim Forums-Teilbereichs-Admin Sektion Graz abgeben.
Dieser füllte damit seinen Kühlschrank, aber das wusste Isolde natürlich nicht. Sie wollte die VirtuDukaten. Diese virtuelle Währung war wichtiger und wertvoller, als Geld. Was war schon Geld? Auch wenn ihre Mutter sie immer wieder bat, doch eine Ausbildung zu beginnen, um irgendwann auf eigenen Füssen zu stehen, verstand Isolde doch den Sinn darin nicht.
Virtuellen Wärungen wie den VirtuDukaten gehörte die Zukunft, nicht einigen Euro auf dem Konto.
Ausserdem brauchte sie kein Geld, sie hatte ja ihre Mutter und zur Not ihren großen Bruder, der ihr immer einige Euro überwies, mit der Bitte sich dafür etwas sinnvolles zu kaufen.
Natürlich hielt Isolde den Kauf von VirtuDukaten, die es hin und wieder in geheimen Internet Autionen zu kaufen gab, für sinnvoll.
Ihr Bruder, der fernab von Graz im Kosovo Dienst tat, dachte doch echt, sie sammele alte österreichische Dukaten. Na ja, im Kosovo war das Internet vielleicht noch nicht nagekommen.
Die junge Frau im rosa T-Shirt, natürlich mit dem Konterfei ihrer Manga-Helden, blickte neben den zugemüllten (wie es ihre Mutter nannte) Computertisch. Dort standen alle gesammelten Gegenstände bereit in einer Tüte ihres Lieblings-Mangaladens. Nach langem Überlegen, hatte sie sich entschlossen eine der exakt 147 und jetzt nur noch 146 Tüten zu opfern. Dafür gab es vielleicht weitere Dukaten.
Fast vier Wochen hatte sie zum Sammeln Zeit gehabt, aber ihr war die Wichtigkeit der virtuellen Währung erst wieder auf dem Klo eingefallen. Danach hatte sie es schon wieder fast vergessen, weil ihre Mutter ihr den neusten Band ihres Lieblings-Mangas, nach ihrer Doppelschicht im Krankenhaus, mitgebracht hatte. Natürlich musste Isolde den schnell lesen und danach die Tüte, in der, der Manga gesteckt hatte, auf den Stapel auf ihrem Kleiderschrank zu legen. Endlich waren es wieder 147 Tüten.
Jetzt war es Samstag Abend zehn Uhr. Die meisten Leute in ihrem Alter vergnügten sich an diesem schönen Abend bei einer Feier in Graz. Selbst das japanische Internat nahm daran teil. Aber selbst das war für Isolde öde, da gab es keine tollen Spiele und VirtuDukaten.
Schnell befragte Isolde die Suchmaschine ihres Vertrauens.
Schließlich konnte sie ihre Mutter, die sich grade im Bad bettfertig machte, schnell zur Tankstelle schicken. Auf dem Rückweg würde ihre Mutter auch gleich den Tiefkühlgericht-Beutel, die 400 Gramm Schokolade und den Sixpack Bier, beim Admin abgeben. Warum sollte Isolde auch selbst fahren? Mit 23 war es doch noch so schön kuschelig zuhause, zwischen all den Postern ihrer Lieblings-Mangas.
„Mamaaaaaa!“ Rief sie so laut sie konnte, über den Sound ihrer Computerboxen hinweg, aus denen denen Japan Pop dröhnte. Die wundervolle Stimme Nikonkameraii Sushirolla Koiteichis erfreute die ganze Nachbarschaft. Der Hund gegenüber heulte begeistert mit.
Sechzehn Minuten nach Elf kam ihre Mutter endlich zurück. Vierundvierzig Minuten vor der Deadline des Admins. Quuer durch Graz dauerte es bei der langsamen Fahrweise ihrer Mutter mindestens dreissig Minuten.
„Schaaaatz, ich habe dein Fertiggericht, soll ich es dir aufwärmen?“ Rief ihre Mutter.
Isolde hätte aufschreien können vor Frust.
„Mama, das Zeug muss doch nach, …“ Isolde unterbrach sich und kramte den Ausdruck mit der Adresse heraus. Darauf, zwischen Kaffeeflecken, Filzstiftskizzen ihrer Lieblingscharaktere aus: „Juckel-Chan und die sieben geilen Samurai des Todes“, dem derzeitigen In-Manga, stand die Adresse. Nach zehn Minuten mühsamen Enziffern war Isolde kurz vor einem Schreikrampf.
Ein Blick auf die Tüte und Isolde erbleichte.
„Das ist aber die Reispfanne japanisch nach ÖSTERREICHISCHER Art!“
Ihre Mutter sah etwas verwirrt und müde drein.
„Ist das nicht egal, wir sind doch hier in Österreich?“
Ihre Tochter war den Tränen nah.
„Nein, er will die aus Deutschland! Was ein Glück muss ich mich nicht auf dich verlassen!“
Sicherheitshalber hatte Isolde einen Thema im „Juckel-Chan-Fanforum“ eröffnet. Nachdem ihr, nach dem Aufstehen am frühen Abend, die Sache mit den VirtuDukaten eingefallen war (während wärmendes Licht der Abendsonne ihren Rücken liebkoste, als sie auf dem Klo saß), hatte sie eine Anfrage gepostet, ob ihr jemand die Reispfanne aus Deutschland bringen könne. Natürlich hatte sie nicht erwähnt, dass sie dafür 400 VirtuDukaten kassieren würde, sonst hätte sie ja teilen müssen. Nur, das derjenige das Zeug bitte direkt, in ihrem Namen, beim Admin abgeben solle.
Es war immer gut eine zweite Option offen zu haben um reich zu werden.
***
Herr Kramer hatte noch nie weinenden Kindern etwas abschlagen können. Auch wenn das Mädchen, das ihn verheult darum bat, eine Einkaufstüte, bis zum Rand gefüllt mit Eiswürfeln, nach Graz zu bringen, aussah als wäre es weit über zwanzig.
Aber Schuluniform und Zöpfchen? Dazu die weinerliche Stimme? Es musste ein Kind gewesen sein. Herr Kramer sah nicht mehr so gut. Außerdem wurden Kinder ja heutzutage größer.
„Meine Freundin in Graz braucht diese Tüte für einen Wettbewerb,…“
Danach waren viele Worte gefolgt, die Herr Kramer nicht verstand.
Irgendetwas mit Internat, wobei es auch Internet hätte heißen können und Japan.
Nachdem er einen Blick in die Einkaufstüte mit dem angeschmolzenen Eis (das längst nicht einmal mehr erahnen ließ, dass es einst würfelförmig gewesen war), geworfen hatte, begann er sich selbst eine Erklärung zusammen zu reimen.
Sicher hatte das Kind eine japanische Freundin in Graz, in einem japanischen Internat und für die nahm er jetzt die „Reispfanne japanisch nach deutscher Art“ mit.
Einer Freundin zu helfen, sich in einem fremden Land zurechtzufinden war nett. Ein wenig Essen aus der Heimat half sicher.
Herr Kramer war seit Stunden unterwegs und müde. Die Tüte stand sicher neben seinem Sitz im Zug in Richtung Graz. Da er nicht viel sah, hatte er auch nicht gesehen, dass dort unten die Heizung verlief. Bevor er noch Hut und Mantel ablegen konnte, war er erschöpft von der langen Reise, eingeschlafen.
***
Die Einsatzleiterin des Räumkommandos war nervös, auch wenn sie sich bemühte, sich das nicht anmerken zu lassen. Der Zug stand kurz hinter Salzburg. Unauffällig hatte man alle Reisenden evakuiert. Kurz hob sie ihre Atemschutzmaske an.
Es stank wirklich nach Chemie im Abteil.
Der schlafende Mann zu dessen Füßen die Tüte stand, aus der verdächtige, rötliche Flüssigkeit sickerte, bemerkte sie nicht. Jedenfalls hoffte die Einsatzleiterin dies. Wenn er nicht schlief,mochte sie sich gar nicht ausmalen, was passierte, sobald er sie bemerkte.
Sie hob die Hand und gab ihrem Trupp ein Zeichen sich abzuducken. Alle trugen ABC Schutzanzüge und Gasmasken, auch die Einsatzleiterin rückte ihre Maske wieder zurecht. Keiner hatte sich in unförmige und vor allem in einem Zug hinderliche Splitterschutzwesten gezwängt. Wenn der Mann erwachte, mochte er das, was dort auch immer auslief, zünden oder sonst wie zur Anwendung bringen.
Die ganze Last der Entscheidung vor allem Schutzkleidung vor Chemikalien und Gas anzulegen, mochte für den ganzen Trupp tödlich enden, wenn es doch eine Bombe war.
Eine weitere Handbewegung gab ihren Leuten die Befehl, die oft geübten Abläufe bei einem solchen Fall auszuführen.
Der Zugriff erfolgte wie im Lehrbuch.
Der als alter Mann mit Hornbrille, zerknittertem Trenchcoat und Hut, wie aus einem schlechten Agentenfilm, verkleidete Mann nuschelte etwas von:
„Dringend…Graz…Japan…Computer…Schule“, während er auf den Boden geworfen und bewegungsunfähig gemacht wurde.
Die Einsatzleiterin aktivierte ihr Kehlkopfmikrofon und kontaktierte den Krisenstab der in mobilen Containern auf MAN Lastern bereitstand. Einige Spezialkräfte würden nun nach Graz ausgeflogen werden,
„Das japanische Internat in Graz sichern. Irgendwas im Computeraum.“
Als sie den Mann nach draußen brachten, hörte die Einsatzleiterin schon das Dröhnen einen herrannahenden Ospreys.
Hier musste mit allen Mittel gearbeitet werden, ein Angriff auf eine Schule eines Nicht-EU Landes mochte schlimmere Folgen haben, als einige Tote und Verletzte.
Der Osprey flog über den Zug hinweg und kippte die Rotoren nach oben.
Dann nahm er das taktische Team für IT-Technologie an Bord.
***
Am nächsten Morgen meldete Isolde den User, der ihr hatte helfen wollen, beim Admin.
Wütend tippte sie in ihr Weblog: „Uke-San ist so ein Arsch, er hat mir erst versprochen das Reisgericht abzugeben und mich dan sitzen lassen!“ Es folgten 49 weitere Ausrufezeichen und einige Einser, weil ihr Finger von der fettigen Shift Taste gerutscht war.
Herr Kramer hatte derweil eine Nacht voller Verhöre hinter sich, als er sichtlich verwirrt und zerrupft zurück in einen Zug nach Deutschland gesetzt wurde.
Ihm tat dennoch das japanische Mädchen leid, denn das Essen, war vernichtet worden.
ENDE
Jede Ähnlichkeit mit lebenden, sterbenden, verwesenden oder als Zombies herumlaufenden Personen ist rein zufällig.
Sämtliche Rechte an diesem Text liegen bei Iris Bergmann.
Jan
Die wöchentliche Schreibaufgabe
by admin in Geschichten
Seit 3 Jahren gibt es (mit kleinen Pausen) im Storysammlung-Forum
jeden Samstag Abend eine Schreibaufgabe. Ziel ist es binnen 24 Stunden etwas “zu Tastatur” zu bringen. Dieses Woche ist das Thema KÖRPERPFLEGE. Man muss sich für die Schreibaufgabe NICHT regisrieren, das Board hat aber ein Passwort: schreiben.
Viel Spass dabei.
Jan
[Kurzgeschichte] Über rotem Sand
by admin in Geschichten
Relativ kurz entschlossen nahm ich an einem Schreibwettbewerb zum Thema “Brieftauben” teil. Eigentlich sehr kurz entschlossen – einen Abend vor Einsendeschluss habe ich schnell etwas geschrieben.
Das ausgelobte Brettespiel habe ich zwar nicht gewonnen, abermeine Geschichte schaffte es unter die veröffentlichten auf der Website. Soetwas freut mich natürlich, vor allem weil es eine Brieftauben SF-Geschichte ist.
Krauss-Verlag “Brieftaubengeschichten”.
Da mein Beitrag sowieso öffenlich im Web steht, stelle ich ihn auch hier hinein:
************
Über rotem Sand
(2009)
„Flieg, Sandy!“ Eine zitternde Hand öffnete den Taubenschlag, und ein rötliches Tier flog ohne zu Zögern heraus.
Die Augenkamera zeigte zerborstene Leitungen und verbogenes Metall. Aus Rohren strömender Wasserdampf ließ die Sicht auf wenige Zentimeter sinken. Aber die Taube navigierte sicher nach oben, auch wenn die unterirdische Basis keine Ähnlichkeit mehr mit dem hatte, was sie kannte. Nicht die Funken ließen sie die Kabel meiden, sie spürte die zuckende Energie. Sicher suchte sie sich ihren Weg.
Metallplatten und geschnittener Stein wichen der natürlichen Magmaglätte des Höhlensystems, in das die erste Kolonie gebaut war.
Dec
[Kurzgeschichte] Die armen Kinder wohnen in Afrika
by admin in Geschichten, LeseCafe
Eine kleine Weihnachtsgeschichte von Iris Bergmann
Die armen Kinder wohnen in Afrika …
Vom Weihnachtsmarkt klang festliche Musik hinauf in den dritten Stock. Auch die Fenster der Wohnung im alten herrschaftlichen Haus waren mit weihnachtlichen Lichtern geschmückt und warfen ein sanftes Licht in den mit Stilmöbeln ausgestatteten Raum. Es war kein echter Kamin, der da noch mehr Feststimmung verbreitete, sondern einer der neuen edlen gasbetriebenen Kamine. Die Marmoreinfassung war so echt, wie bei einem Holzkamin und man musste sich die Hände dreckig machen beim Holznachlegen. Trotzdem lagen einige Holzscheite dekorativ in einem extra angefertigten Edelstahlkorb. Der Bedienstete der die Gaskartuschen des Kamins regelmäßig austauschte, sorgte auch dafür, dass das Holz nicht einstaubte.
Die Herrin über 200 Quadratmeter Luxus, Helene von Sochrow saß entspannt auf ihrem Sofa aus Büffelleder. Eine Nerzdecke wärmte ihre Knie, darauf lag ihr treuer Perserkater und schnurrte wohlig. Ein kleiner Wink in Richtung Ngutu und dieser ließ die Leinwand von der Decke herunter, schaltete den Projektor an, der die normalen Nachrichten in Kinoqualität bereitstellte. Ein weiterer Wink und Ngutu reichte ihr die Fernbedienung. Lustlos schaltete Helene durch die Programme. Sie wartete auf ihre Freundin Sarina um mit ihr über den Weihnachtsmarkt zu gehen. Plötzlich blieb sie bei einem Werbespot hängen. Traurige Musik, große Kinderaugen.
“Helfen sie diesen Kindern im Senegal, sie haben keine Eltern mehr. Sie flüchteten vor der Gewalt und Krieg, oder wurden von ihren Verwandten zurückgelassen. Mit jedem Anruf spenden sie fünf Euro für diese Kinder.”
Helene griff nach ihrem Telefon und wählte die Nummer, wieder und wieder. Die Langeweile und das Warten auf ihre Freundin hatten sie wie immer empfänglich für das gut in Szene gesetzte Leid der afrikanischen Kinder gemacht. Dann klingelte es. Helene setzte ihren Kater auf den Boden, der protestierend maunzte. Sie ging zur Gegensprechanlage, endlich war ihre Freundin da.
“Ngutu, bis ich zurück bin lerne die nächsten fünf Vokabeln”, befahl sie ihrem Bediensten.
“Natürlich Frau von Sochrow”, sagte er in fast perfekten Deutsch. Sie sorgte dafür das er ordentlich lernte und sprach, schließlich konnte sie ihn jederzeit gegen einen anderen jugendlichen aus Afrika ersetzen.
Ngutu öffnete ihr die Tür und Helene ging ohne einen weiteren Blick zu ihm nach unten.
“Es hatte doch etwas Gutes, dass du Dich verspätet hast, so habe ich für einige arme Kinder in Afrika gut und gerne 50 Euro gespendet”, Helene hakte sich bei Sarina ein und erzählte ihr von der praktischen Art zu spenden. Einfach nur anrufen, so oft man wollte und ein afrikanisches Kind mit großen, traurigen Augen bekam etwas zu essen. Einfacher als jede Online-Überweisung.
Sie schlenderten durch die mit geschmückten Marktbuden vollgestellte Innenstadt. Überall erklang weihnachtliche Musik, glitzerte und glänzte es Festlich.
“Sieh nur der Baum, dafür haben wir gespendet”, sagte Sarina stolz. Die Tanne, die mitten auf dem Marktplatz stand, war das Ergebnis eine Spendenaktion der Stadt. Das Geld kam einem Brunnenprojekt im fernen Afrika zugute.
“Nur schade, dass sich jeder der auch nur zwei Euro gespendet hat, ebenfalls eine Dankesurkunde ins Wohnzimmer hängen darf”, sagte Helene und schüttelte den Kopf. “Da ist das Papier sicher teurer gewesen als die Spende, stelle Dir das mal vor, wir spenden dreitausend Euro und bekommen die gleiche Urkunde.”
“Wenigstens hast du durchgesetzt, dass man unsere Namen auf ein Schild am Brunnensockel graviert”, tröstete sie Sarina und zog einen Flyer aus ihrer Manteltasche.
“Hier werden wir auch als Hauptspender erwähnt.” Sie drückte ihrer Freundin das Faltblatt in die Hand.
Sie schlenderten zu einem Glühweinstand und kauften sich einen neuen Becher samt Glühwein. Aus einem schon von anderen Leuten benutzten Becher zu trinken, wäre den beiden Frauen nicht eingefallen.
Plötzlich durchbrach eine Kinderstimme Helenes Überlgungen zu gebrauchten Bechern.
“Mami bekomme ich einen Kinderpunsch? Biiitteeee.” Sie blickte zu dem Kind und der Mutter. Ein Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Er trug saubere aber abgewetzte Jeans und einen ausgebleichten grünen Parka in den jemand einen roten Reissverschluss nachträglich eingenäht hatte. Per Hand genäht, recht ordentlich, aber wie konnte man ein Kind nur in solch abgetragenen Sachen herumlaufen lassen, fragte sich Helene.
“Der kostet drei Euro Mirko, das können wir uns nicht leisten. Zuhause mache ich dir einen warmen Orangensaft.”
“Wir haben doch gar keinen Saft mehr.”
Der Kleine fing leise an zu weinen.
“Ich habe noch einen Euro, lass uns zum Supermarkt gehen, ich kaufe Dir Orangensaft. Ja?” Die Mutter streichelte über das anscheinend selbst geschnittene Haar des Jungen. Der Junge weinte noch immer und seine Mutter hob ihn hoch und drückte ihn tröstend an sich. “Weist du was? Wenn du nachher schläfst gehe ich nochmal raus und gucke ob ich genug Pfandflaschen finde. Dann kommen wir morgen noch einmal her.” Der Kleine schniefte und sah sehnsuchtsvoll zum Getränkestand. Dann vergrub er das Gesicht im fusseligen Wollmantel seiner Mutter. Diese sah auf das Schild mit den Preisen und schien zu überlegen wie viele Pfandflaschen sie brauchte für einen Punsch, dann ging sie langsam davon.
Helene schüttelte den Kopf.
“Unglaublich, wahrscheinlich gibt sie das ganze Geld für Alk aus und für ihr Kind bleibt nichts. Sieh nur wie ungepflegt sie ist.” Helene zog Sarina einen Schritt beiseite damit diese jan nicht in Kontakt mit der Mutter kam. Das Weinen wurde leiser als die Frau sich mit ihrem Kind entfernte.
“Nicht mal drei Euro für den Kleinen, unmöglich”, Helene nahm einen Schluck Glühwein.
“Sie hätten ihr das Geld ja geben können, nicht jeder hat Geld für einen Pelzmantel und fette Klunker an den Fingern”, ein vielleicht fünfzehn Jahre altes Mädchen sah Sarina und Helene voller Verachtung an. Sie hatte bunte Haare, ihre Lippen und Ohren waren mit silbernen Ringen geschmückt und ihre Klamotten sahen weder warm noch ordentlich aus. Sie ging zum Glühweinstand und zählte zwei Euro achzig auf den Tresen.
“Einen Kinderpunsch bitte. Den Rest bekommen Sie morgen, garantiert, ist für den Kleinen eben.”
“Kein Problem, geht aufs Haus”, die Marktstandbetreiberin schob ihr das Kleingeld zurück. Das Mädchen lächelte und warf dann einen Blick auf den Flyer den Helene immer noch in der Hand hielt.
“Schöner Hochglanzmist, Geld für Afrika und hier die Augen zumachen, typisch.” Das Mädchen nahm den Punsch entgegen und wuselte dann durch die Menge, dem Weinen hinterher.
ENDE
Copyright 2006 Iris Bergmann